Vortrag "Über die Bedeutung eines differenzierten Unterrichts in der Grundschule" des Grundschulreferenten des Regierungspräsidiums Freiburg, Herrn Kniffel, anläßlich des 20jährigen Montessori-Jubiläums der Stephansschule:
Sehr verehrter Herr Hipp,
sehr geehrte Herr Bürgermeister Boldt,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
als Vertreter des Regierungspräsidiums Freiburg bin ich sehr gerne zur heutigen Jubiläumsveranstaltung nach Konstanz gekommen. Ich freue mich mit Ihnen, das Jubiläum feiern zu dürfen.
Als zuständiger Grundschulreferent des Regierungspräsidiums Freiburg möchte ich Ihnen heute einige Überlegungen über die Bedeutung eines differenzierten Unterrichts in der Grundschule darstellen.
Erfahrungsgemäss zeigen die Kinder im Vorschulbereich und beim Schuleintritt sehr unterschiedliche Entwicklungsstände und Erfahrungshintergründe. Drei bis vier Entwicklungsjahre kann dieser Unterschied bei den Kindern in Grundschulklassen betragen. Die Grundschullehrkräfte sind bemüht, den einzelnen Kindern gerecht zu werden. Die individuellen Unterschiede müssen von Anfang an und über die gesamte Grundschulzeit hinweg berücksichtigt werden. Die Entwicklungsunterschiede der Kinder bestimmen den Unterricht und fordern innere und äußere Differenzierungsmaßnahmen und eine verstärkte Individualisierung.
Ein wichtiger Aspekt individueller Förderung, wenn nicht gar der wichtigste, liegt darin, jedem Kind das Lernen in seinem eigenen Tempo zu ermöglichen. Das bedeutet z.B., einem schwächeren Kind mehr Zeit und zusätzliches Üben zuzugestehen und einem Kind, das leicht und schnell lernt, das schnellere Fortschreiten im Unterrichtsstoff zu ermöglichen.
Ein differenzierter Unterricht stellt unterschiedliche Anforderungen an die einzelnen Kinder, um sie zu fördern und zu fordern. Dazu gibt es verschiedene unterrichtsorganisatorische Konzepte:
• differenzierte Aufgabenstellungen, d. h. die Lehrkraft gibt den Kindern unterschiedliche Aufgaben mit verschiedenem Schwierigkeitsgrad. Die Lehrkraft hat dann die Möglichkeit, sich jenen Kindern zuzuwenden, die besondere Hilfe brauchen
• Wochenplanarbeit: In bestimmten Stunden der Woche wird an den Aufgaben gearbeitet, die im Wochenplan stehen, wie z. B.
o a) die Pflichtaufgaben
o b) die Küraufgaben
• Werkstattunterricht: Im Klassenraum sind verschiedene Stationen und Arbeitstische mit unterschiedlichen Aufgaben aufgebaut:
o a) Pflichtstationen
o b) Kürstationen
• Freie Arbeit: Die Kinder wählen mit Beratung der Grundschullehrkraft ihre Arbeit selbst und erledigen sie eigenverantwortlich
• Jahrgangsübergreifende Schuleingangsstufe: Die Kinder der Klassen 1 und 2 sind zusammen in einer Klasse. Leistungsstärkere Erstklässler können schon mit den Zweitklässlern arbeiten, leistungsschwächere Zweitklässler manches aus der ersten Klasse noch einmal wiederholen
• Projekte: Arbeiten, bei denen die Kinder von der Planung an mit eigenen Ideen am Thema mitarbeiten und bei denen am Ende ein gemeinsames Werk entsteht, wie z. B:
o eine Zeitung
o eine Ausstellung
o ein Forscherbuch
o ein Geschichtenbuch
o ein Theaterstück
o und vieles mehr
Bei all diesen Möglichkeiten können die Kinder Aufgaben erledigen, die auf ihre Leistungsmöglichkeiten hin zugeschnitten sind. Sie üben dabei das Lesen und Schreiben ebenso wie das selbstständige Arbeiten, wie sie sich die Zeit einteilen, wie sie sich Arbeitsmittel beschaffen, wie sie ein Ergebnis herstellen, das man auch anderen präsentieren kann.
Differenzierter Unterricht ist aber auch gemeinsamer Unterricht. Die Kinder lernen individuell, auf sich gestellt und für sich. Zu den Grundprinzipien des Grundschulunterrichts gehört auch, dass die Kinder lernen, sich gegenseitig zu helfen, einander zuzuhören, miteinander zu kooperieren, sich einzuordnen, Gespräche gesittet zu führen, Streit ruhig auszutragen und zu regeln.
Auch im differenzierten Unterricht gibt es meist ein gemeinsames Thema mit Aufgaben unterschiedlichen Schwierigkeitsgrades.
Ich möchte dies an einem Beispiel erläutern: Zu Anfang führt die Grundschullehrkraft in das Thema ein. Die verschiedenen Arbeitsmöglichkeiten werden miteinander besprochen. Dann arbeiten die Kinder zumeist mit Partnern oder in einer Gruppe an ihren Aufgaben. Am Ende einer Arbeitsphase berichten bzw. präsentieren die Kinder den Stand ihrer Arbeiten.
Arbeiten in differenzierter Arbeit leistet damit immer erkennbar einen Beitrag zur Arbeit am gemeinsamen Thema.
Ein moderner differenzierter Grundschulunterricht unterstützt die Kinder auf ihren eigenen Lernwegen.
Kinder gehen entwicklungstypische Lernwege. Sie lernen das Laufen und Sprechen über bestimmte Phasen. In den letzten Jahrzehnten wurde besonders zum Lesen, Schreiben und Rechnen viel über die Lernwege der Kinder geforscht. Dies hat zum Beispiel auch zu Änderungen beim Rechtschreibunterricht geführt. Früher galt als Prinzip: Kinder dürfen keinen Fehler machen. Heute gilt: Die Kinder auf ihrem Weg zum richtigen Schreiben zu begleiten; Fehler sind dabei Fenster in die Lernentwicklung des Kindes.
Die Kinder entwickeln sich durch differenzierte Förderung auf dem Niveau ihrer Möglichkeiten. In Fördermaßnahmen werden die Lernwege der Kinder beobachtet und unterstützt.
Moderner Grundschulunterricht folgt dem Prinzip des sich Entwickelns.
Mehr Zuwendung der Grundschullehrkraft für das einzelne Kinder ist sehr wichtig. Dass dies nicht nur theoretisch gemeint ist, möchte ich am Beispiel des Klassenteilers deutlich machen. Der Klassenteiler wurde von 31 Kinder auf 28 Kinder heruntergefahren, d. h. keine Grundschulklasse hat ab kommenden Schuljahr mehr als 27 Kinder.
In Ihrer Einladung schrieben Sie u. a. - ich zitiere:
„Jeder Mensch lernt am nachhaltigsten,
wenn ihn der Lernstoff wahrhaftig berührt.“
Erlauben Sie mir noch einen Gedanken zum berührt sein. Ich habe das Pädagogenehepaar Frau und Herrn Hipp letztes Jahr kennen lernen dürfen. Frau Hipp als Leiterin des Montessorikindergartens in Konstanz und Herrn Hipp als Leiter dieser Schule. Ich bin berührt von Ihrem großen Engagement für die Montessoripädagogik! Ohne Ihr besonders großes Engagement würde die heutige Feier nicht stattfinden.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche der Feier einen guten Verlauf.